Was uns so interessant macht über die spezielle Ausbeutbarkeit der Frau
direkte aktion # 73, Jan./Feb. 89

"Für die Frauen ist Arbeit nur ein Übergang: sie würde sie sofort aufgeben, wenn sich ihr eine andere Perspektive bietet. Deshalb lassen sich Frauen auch so viel schwerer organisieren als Männer. 'Warum soll ich in die Gewerkschaft eintreten? Ich werde ja doch heiraten und eine Familie gründen'. Ist sie nicht schon seit ihrer Kindheit dahingehend erzogen worden, dass sie ihr Leben darauf ausrichtet? Früh genug wird sie dann lernen, dass ihr Heim, wenn es auch nicht ein so großes Gefängnis wie die Fabrik ist, sehr viel schwerere Türen und Riegel hat. Und einen so gewissenhaften Leiter, dass niemand ihm entkommen kann. Das Tragische jedoch ist, dass das Familienleben sie keineswegs von der Lohnsklaverei befreit; ihr Aufgabengebiet ist eher noch größer geworden." Emma Goldman in "Das Tragische an der Emanzipation der Frau"

Inwieweit Emma Goldmans Einschätzung, die sie Anfang unseres Jahrhunderts machte, heute immer noch gültig ist, wollen wir im folgenden Artikel untersuchen. Uns geht es aber noch um weitere Fragestellungen: wir wollen herausarbeiten, wie sich die Sozialisation von Frauen auf unseren Alltag und auf unser Verhalten in bestimmten Situationen auswirkt. Wir sind bei diesen Überlegungen zu einem guten Teil von unseren eigenen Erfahrungen in "typisch weiblichen" Jobs und Berufen ausgegangen, d.h. Büro, Putzen, Supermarkt, Gastronomie, denn obwohl wir uns als "emanzipiert" verstehen, finden wir uns immer in diesen schlecht bezahlten Bereichen, in denen "prekäre Arbeitsverhältnisse seit jeher gang und gäbe sind, wieder.

Unterscheiden müssen wir hier zwischen jungen Frauen, die nur vorübergehend Jobs in diesen Bereichen machen, um entweder Berufserfahrung zu sammeln oder eine Ausbildung zu finanzieren und den älteren Frauen, die durch solche Arbeiten entweder ihre Familie finanzieren oder zumindest zum Familienunterhalt mit beitragen. Bei den jüngeren Frauen ist generell eine größere Bereitschaft da, den Job hinzuschmeißen, sich nach etwas anderem umzusehen. Sie entgehen Konflikten, indem sie sich ihnen entziehen. Die älteren Frauen gehen eher dazu über, sich mit den Arbeitsbedingungen und den Machtverhältnissen am Arbeitsplatz zu arrangieren, d.h. im Normalfalle mit der Macht der Männer, der Chefs. Denn normal ist, dass zwar die direkten Vorgesetzten z.T. auch Frauen sind, aber die ultimative Entscheidung z.B. über Entlassungen etc. bei der oberen Etage liegt und die besteht hauptsächlich aus Männern.

Weiblichen Vorgesetzten gegenüber sind unterschiedliche Verhaltensweise zu beobachten: entweder sie nehmen eine Art Mutterrolle ein, eine Mischung aus Vertrauter und Autorität oder sie werden als direkte Kontrollinstanz empfunden, der sehr viel Ablehnung, die an Konkurrenz grenzt, entgegen gebracht wird. Sie sind oft einer sehr viel härteren, auch ins Persönliche gehenden Kritik ausgesetzt als ihre männlichen Kollegen, vor allem in Kleinbetrieben. Das Verhältnis zu den Chefs ist anders geartet, hier herrscht zunächst einmal die Angst. Es ist nicht nur die direkte Angst vor dem Jobverlust, es ist mehr die Angst vor der Kritik, vor der Auseinandersetzung mit der männlichen Autorität.

Es geht nicht nur darum, direkter Strafe ausgesetzt zu sein, sondern schon der Sympathieverlust kann als Kritik gesehen werden, eine sexuelle Komponente kommt mit ins Spiel. Hier wirkt unsere Erziehung sicherlich direkter als in vielen anderen Bereichen: Anerkennung besteht für Frauen meistens nicht nur in Anerkennung der Leistung, sondern in Sympathiebeweisen, die sich auf unsere Person insgesamt, auf unser Frau-Sein bezieht. In diesem Kontext muss auch die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gesehen werden, die nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Vielen Frauen fällt es schon so schwer genug, sich gegen Belästigungen energisch zur Wehr zu setzen; es wird noch um einiges schwieriger, wenn ein Abhängigkeitsverhältnis dazu kommt. Frau schluckt einiges mehr, vor allem in Situationen, in denen diese Anmache in "väterliche Gesten" gekleidet ist. Besonders dieser Graubereich macht das Reagieren so schwer, denn die spontane Wut bleibt Frau im Halse stecken, wenn sie merkt, dass diese "Gesten" von den meisten anderen als "reine Freundlichkeit" gedeutet werden und eine energische Reaktion als "Hysterie" ausgelegt wird.

Die Leistung, die für viele Männer das ausschlaggebende Kriterium ist, ist für die Frauen nur eines unter mehreren. Sie müssen es zwar akzeptieren, da es eines der wichtigsten im kapitalistischen Betrieb ist, doch in den allermeisten Fällen verkaufen wir mehr als unser Können: unser Aussehen, unseren "Charme", unsere Fähigkeit, es anderen behaglich zu machen. Dies gilt für alle Bereiche, in denen ein direkter Kontakt entweder zum Kunden oder zum Vorgesetzten besteht, für Serviererinnen wie für Sekretärinnen. Von Kleinauf definieren wir uns über die Anerkennung anderer, besonders der Männer: "Wenn im Wald ein Baum umfällt, und niemand ist da, der es hört oder sieht, ist der Baum dann überhaupt umgefallen? Tatsachen sind ja nur Tatsachen, weil sie als solche anerkannt werden. Dieses Dilemma löste der Philosoph, indem er sagte: wenn sonst niemand den Baum hört, dann hört ihn Gott. Auch Frauen glauben, dass sie einen existenziellen Zeugen brauchen. Wenn kein Mann sie wahrnimmt, dann existieren sie nicht wirklich. Leider ist das Wahrgenommen-werden-vom-Mann bei Frauen wie bei Bäumen oft mit einem Umfallen verbunden." (Liebesgeschichten aus dem Patriarchat, Benard/Schlaffer) Radikale Opposition hieße Verzicht auf diese, oft existenzielle Anerkennung und macht sie deshalb so schwierig.

Soweit eine Bestandsaufnahme der Beziehung zu den Vorgesetzten. Das Verhältnis unter den Arbeiterinnen bzw. Angestellten wird von weiteren Faktoren bestimmt und lässt sich nicht so einfach katalogisieren: Solidarität, auch in den privaten Bereich hinein, ist ebenso häufig zu finden wie eine spezifisch weibliche Konkurrenz, in der die genossene Anerkennung durch Kunden, Chefs und Kollegen oft die Position am Arbeitsplatz bestimmt. "Wohlmeinendes Interesse" zu unterscheiden von "Klatsch und Tratsch" ist oft schwierig. Es ist aber auch möglich, durch Kontakte, die über die gemeinsame Arbeit entstehen, die persönliche Isolation im Privatbereich etwas zu durchbrechen, vorausgesetzt, die Arbeitsbedingungen lassen Zeit für Privatgespräche.

Auch die Einflüsse dieses Privatbereichs auf das Verhalten der Frauen am Arbeitsplatz sollten nicht unterschätzt werden. Die allerwenigsten Frauen definieren sich hauptsächlich über ihre Arbeit, oft hat sie sogar nur einen untergeordneten Stellenwert. Dies mag sich im letzten Jahrzehnt durch die Emanzipationsbestrebungen von Frauen mit qualifizierter Ausbildung etwas verändert haben. Die meisten Frauen verzichten aber auch heute noch nicht auf Familie, Beziehungen etc. Deshalb beeinflussen diese Belastungen und die damit verbundene Verantwortung durchaus die "Leistungsfähigkeit" der Frauen, bestimmen weitgehend ihre Lebensläufe. Damit meinen wir den - zumindest vorübergehenden - Rückzug aus dem Erwerbsleben, wie auch die Doppel- und Dreifachbelastung und die damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche.

"Weit mehr als für Männer bedeutet für Frauen die Wahl eines Lebensmusters die Entscheidung nicht für Chancen, sondern für verschiedene Formen des Verzichts." (Liebesgeschichten...)

Es gibt allerdings auch direktere Verbindungen: es geschieht durchaus, dass Frauen, wenn sie auf der Arbeit (auch Hausarbeit) "versagen" den Druck ihres Ehemannes zu spüren bekommen, was bis zu körperlichen Misshandlungen gehen kann. Auch wenn dies Extremsituationen sein sollten - eine weitgehende Gleichgültigkeit gegenüber der Arbeit der Frauen ist bei den meisten Männern auch heute noch festzustellen.

Bei den so genannten "Karrierefrauen" (warum gibt es keine Karrieremänner?) liegen die Probleme etwas anders. Für sie bedeutet die Karriere zumeist Verzicht auf eine ganze Menge privater Erfahrungen, da sich für sie diese beiden Welten kaum verbinden lassen. Einmal sind die wenigsten Männer dazu bereit, sich in ein "Hausfrauendasein" drängen zu lassen, zum Zweiten wäre dies eine Art von Beziehung, an der nur einige dieser Frauen ein Interesse hätten. Beide Geschlechter sind noch nicht soweit, dass sie eine intellektuelle Überlegenheit der Frau oder den größeren Erfolg der Frau im Berufsleben ohne Schwierigkeiten akzeptieren könnten. Diese Schwierigkeiten bringen auch heute noch viele junge Frauen dazu, auf einen eigenen Weg zu verzichten, sich doch wieder in relativ traditionelle Beziehungen und Lebensweisen zu begeben - der Preis fürs Anderssein erscheint zu hoch.

"Paradoxerweise sind feministische Frauen, oder nicht feministische, aber unabhängige, selbstständige Frauen, häufig am erpressbarsten. Beruflicher Erfolg, ein starker Charakter, eine ausgeprägte Persönlichkeit, Selbstbehauptung, das sind Züge, die den Wert einer Frau auf dem Heirats- und Partnermarkt nicht steigern ... zumindest wird Frauen das vermittelt. Eine nicht traditionelle Frau, das ist in erster Linie einmal - laut Propaganda - eine schlechte Partie für Männer mit Ambrtione, Männer, die Erfolg haben oder haben wollen, brauchen als ihr Gegenstück die Art von Frau, die an ihrer Seite steht und ihnen an die Spitze hilft. Eine Frau, die spät nach Hause kommt, selber erschöpft ist und über eigene Probleme reden will, ist kein Gewinn." (Liebesgeschichten...)

Lösungen, Konsequenzen?
Was fangen wir nun mit dieser Bestandsaufnahme an? Sie sollte unsererseits klar machen, dass mit einfachen, zum Widerstand aufrufenden Parolen so nichts zu machen ist. Und sie sollte aufzeigen, dass die subtileren Machtstrukturen, die in Patriarchat und Kapitalismus angelegt sind, einen extremen Einfluss auf den Ablauf unseres Alltags, auf unsere scheinbar ganz individuellen Lebensentwürfe und Verhaltensweisen haben. Sie soll zunächst einmal uns selbst vor Augen führen, aus welchen Gründen wir uns in gewissen Situationen auf die eine oder andere Art Verhalten. Wenn wir das klar haben, ist es vielleicht einfacher, bestimmte mechanische, unbewusste Reaktionsweisen bei uns zu ändern und bei anderen in Frage zu stellen. Soweit zur individuellen Veränderung. Nichts geändert haben wir damit an den patriarchalen Werten, an den kapitalistischen Verwertungskriterien und an der Situation allgemein. Natürlich können wir in dem Papier keine fertige Strategie liefern, wir können nur Fragen aufwerfen, die uns hoffentlich ein Stück weiterbringen:

In wieweit unterscheidet sich unsere Situation als Frauen in der FAU von der unserer männlichen Genossen? Welche Ansätze zu Kampagnen, welche Forderungen, welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen wir bei unserer politischen Arbeit, um im besonderen Frauen anzusprechen? Da Frauen komplizierteren Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen unterliegen, die noch lange nicht beendet sind, wenn frau das Büro oder die Fabrik verlässt, ihr Verhalten dort aber stark geprägt wird durch die Erfahrungen außerhalb des Arbeitsplatzes, muss unser Ansatz differenziert und vielfältig genug sein, um all diese Unterdrückungsverhältnisse zu thematisieren, bewusst zu machen und stellenweise zu brechen. Sozialisation, Privatbereich, Reproduktions- und Lohnarbeit bilden eine Einheit, beeinflussen einander, ein Ausbeutungsverhältnis trägt zur Aufrechterhaltung des anderen bei. Die Trennung in Betriebsarbeit und "Restleben" ist absurd, unser politischer Ansatz muss die Lebenssituation umfassen, um Aussichten auf Erfolg zu haben. Die verschiedensten Formen entlohnter und nicht-entlohnter Arbeit ergänzen einander, sind für das Kapital gleichermaßen notwendig.

Frauen eignen sich aufgrund ihrer Sozialisation und gesellschaftlichen Stellung hervorragend als flexibles Arbeitskräftepotential, tragen unwillentlich - wie auch die Jobber - zur Flexibilisierung der Arbeit bei. Als Beispiel sei hier das "Freiwillige soziale Jahr" und die Arbeitsbedingungen im Riegebereich genannt. Dort arbeiten überdurchschnittlich viele Frauen zu beschissenen Arbeitsbedingungen. Trotzdem wird versucht, über Zivildienstleistende, Aushilfen und Auslagerung von Pflegefällen in die Familie, die Kosten zu drücken. Ein "Soziales Pflicht-Jahr" für junge Frauen (statt Bundeswehr für Frauen) würde das billige Arbeitskräftepotential in diesem Bereich erweitern und den Druck auf die qualifizierten Arbeiterinnen und Angestellten vergrößern. Hinter diesem Manöver steht die Existenz der Familie und des Familienlohns. Arbeit zu Löhnen unterhalb des Existenzminimums ist nur möglich, wenn es sich um ein "Dazuverdienen" handelt, die eigentliche Existenzsicherung also mittels der Abhängigkeit von anderen Personen (Eltern, Ehemann) erfolgt. Hier zeigt sich ganz deutlich, dass der Strategie von Kapital und Staat nicht wirksam begegnet werden kann, wenn wir nur die Interessen der direkt in diesem Bereich Beschäftigten thematisieren. Hier wird die gesamtgesellschaftliche Konstruktion von Abhängigkeit benutzt, um Arbeitskraft möglichst billig zu verwerten.

Ein anderer Knackpunkt ist unser Verhältnis zu Frauen und der Frauenbewegung allgemein. Wie stehen wir zur Karriere im Patriarchat? Wie bewerten wir das "Nur-Hausfrauen-Dasein"? Wo sind die Grenzen der Frauensolidarität?

"Patriarchat bedeutet Männerherrschaft. Nicht allen Frauen geht es schlecht, wenn die Männer herrschen. Und es herrschen nicht alle Männer, sondern nur einige. Sie bevorzugen zwar ihre Geschlechtsgenossen, denn so ist die Welt des Patriarchats eben organisiert, aber nicht alle ihrer Geschlechtsgenossen besitzen die taktische Klugheit, den skrupellosen Einsatz und den logischen Durchblick, um ihre Vorteile auch zu nutzen. Umgekehrt schaffen es viele Frauen, infolge ihrer Begabung, ihrer guten sozialen Reflexe und eines günstigen Zufalls, sich das Leben sehr angenehm einzurichten, auch im Patriarchat. Gerade im Patriarchat. Denn jeder Herrschaftszustand bietet eine Vielfalt von Chancen für jene, die sie klug zu nutzen wissen. Wo es Kriege, Unterdrückung, Verfolgung gibt, gibt es auch Waffenhändler, Schmuggler, Söldner. Wo es eine Besatzungsmacht gibt, gibt es Kollaborateure." (Liebesgeschichten...)

"Doch die vermeintliche Solidarität hat eine noch viel beängstigendere Komponente, nämlich die Bereitschaft, das Versagen von Frauen immer zu entschuldigen. Immer findet sich eine Erklärung für Schwäche, für Versagen, ein Verständnis für die Kapitulation. Dahinter steckt jedoch die Andeutung, dass man ohnehin nicht viel erwartet hat." (Liebesgeschichten...)

Wir sind der Meinung, dass jede Frau das Recht auf eine vom Mann unabhängige Existenz hat. Die Forderung nach einem Lohn für Hausarbeit oder nach einem garantierten Mindesteinkommen für alle geht in diese Richtung. Da es aber reformistische Forderungen sind, die innerhalb des Systems verwirklichbar wären, besteht die Gefahr, dass Verhältnisse zementiert werden und lediglich neue Abhängigkeitsverhältnisse (z.B. vom Staat) entstehen würden. Wie vermeiden wir dies? Welches sind die Mittel und die Forderungen, die uns mehr Selbständigkeit und mehr Selbstbewusstsein verschaffen und langfristig dazu führen, dass wir uns sämtlichen Unterdrückungs- und Ausbeutungsformen verweigern, die spontane Rebellion zum Normalfall wird? In welchen Fällen ist es möglich, Solidarität zwischen Frauen zu entwickeln, sich Auseinandersetzungen gemeinsam zu stellen ohne die Unterschiede dabei zu zukleistern?

Wir sind bei der Diskussion über Mittel und Wege zur Emanzipation auf reichlich Parallelen zwischen dem Kampf der autonomen Frauenbewegung und anarchistischen Prinzipien gestoßen. Wir wollen das mit einem weiteren Zitat aus den "Liebesgeschichten..." verdeutlichen:

"Darüber hinaus haben unabhängige Frauen und Feministinnen noch eine weitere soziale Behinderung. Sie lehnen die üblichen weiblichen Manöver und Tricks strikt ab. Sie finden es unter ihrer Würde zu manipulieren. Sie glauben an das ganze Register der Pfadpfindertugenden: Ehrlichkeit, Loyalität, Verständnis. Das ist sehr schön von ihnen. Sie glauben an das Gute im Menschen. Für den Alltag sind sie damit so unbrauchbar wie ein Weißer, der nach Harlem zieht und alle Schlösser an seiner Wohnung abmontiert, weil er an die Brüderlichkeit aller Rassen glaubt und seinen Nachbarn nicht durch Misstrauen verletzten will. Prinzipiell haben sie ja alle recht: wir sollten alle in Harmonie, gegenseitiger Achtung und Gleichheit zusammenleben. Faktisch werden sie leider meist umgebracht."

Der altbekannte Widerspruch zwischen Anspruch und Realität, die Frage nach den anwendbaren Mitteln. Dabei kann jedoch nicht das Kriterium "reformistisch" ausschlaggebend sein, sondern die Frage, ob das Mittel, die jetzt zu stellende Forderung, das Ziel des "Tageskampfes", Elemente der Utopie enthält, ob die Erfahrungen, die wir in gemeinsamen Kämpfen machen, uns begreifen lassen, was praktische Solidarität ist. Ob wir ansatzweise lernen können, wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte. Ob wir Vereinzelung und Resignation überwinden können. Ob wir Staat, Kapital, Herrschaft, Patriarchat allgemein - und nicht nur punktuell - in Frage stellen können. Ob es uns gelingt, die Komplexität von Herrschaftsmechanismen insgesamt aufzuzeigen ohne ein Gefühl von Ohnmacht auszulösen. Ob eine Sehnsucht nach einem freieren Leben allgemein geweckt wird. Das sind die Kriterien, nach denen wir unsere eigenen Aktionen und die anderer messen sollten.

"Und was will das Weib? Wir wollen alles. Alles, Sigmund, wir wollen alles. Erlebnisse, Männer, Geld, Erfolg, Gerechtigkeit, Sinn, Kinder, Liebe, Selbständigkeit, einfach alles. Und Anja, Kate, Herrad, ntozake, ihr habt recht, es steht uns auch alles zu. Nur dürft ihr nicht so unglücklich sein, wenn wir es trotzdem nicht bekommen. Geben wir uns vorläufig zufrieden mit: mehr. Und: Mach wir weiter. Machen wir unbedingt weiter."
(Liebesgeschichten...)

OG Heidelberg