Pink Panic

Eine Pink&Silver-Nachbetrachtung
zum Grenzcamp vom 27. Juli bis 5. August 2001 in Frankfurt/Main

Zum vierten Mal fand im Juli 2001 ein anti-rassistisches Camp mit mehreren hundert Teilneh-merInnen statt. Bisher an der ostdeutschen Schengen-Außengrenze, campten diese 10 Tage lang in der Nähe des Frankfurter Flughafens, um von da aus das dortige Internierungslager für Flüchtlinge, Abschiebungen und alltägliche rassistische Strukturen zu thematisieren. Diesmal tauchten auch zahlreiche Menschen in pink und silber Klamotten auf, die gemeinsam Schritte und Parolen übten und lautstark und bunt bei Aktionen in der Stadt und am Flughafen erschienen. Das folgende Gespräch führten einige Pink&Silver-AktivistInnen.

Wie hat sich das mit Pink&Silver (P&S) auf dem Camp abgespielt?

Schon vor Beginn des Camps versuchten einige Leute, die Idee eines handlungsfähigen Zusammenhangs, der sich ungewohnter Elemente und einer anderen Herangehensweise bedient, für die Camp-AktivistInnen anzuregen. Ansporn waren die Erfahrungen von einigen von uns in Prag mit dem spielerischen, aber durchaus auch konfrontativ agierenden P&S-Block. Es ging uns auch darum, von Anderen in Sachen Protestkultur zu lernen und unsere eigene Praxis zu reflektieren. In Ffm wurde die Idee dann schnell zum Selbstläufer und viel mehr Leute als erwartet beteiligten sich an der Gestaltung und den vorbereitenden Diskussionen. So konnte schon am Sonntag eine Gruppe von ca 60 Menschen bei einer großen Aktion am Abschiebeflughafen auftauchen. Dort sollte der Betrieb lahmgelegt werden, was auch einigermaßen gelang - vor allem durch das Zusammenspiel verschiedenster dezentraler Aktionsformen. Die meisten von uns, die ja das erste Mal in P&S auf einer Aktion agierten, waren angetan von der Power und dem Spaß im Block, sowie von der guten Resonanz der Umstehenden und anderen AktivistInnen. So lief in den folgenden Tagen die Planung gleich weiter für den Mittwoch, dem Tag, an dem in der Innenstadt phantasievolle, dezentrale Aktionen gegen Ausgrenzung, Überwachung und den alltäglichen Rassismus laufen sollten. Noch mehr Leute kamen dazu, und so zogen wir mit 100 Leuten in P&S wild durch die Zeil (in weiten Teilen privatisierte bzw. überwachte Flaniermeile in Ffm) und diverse Kaufhäuser, in denen wir cheers riefen, Flyer verteilten und eine Performance zeigten. Wichtig war, daß wir sehr laut und schnell waren, uns auf der Straße flexibel bewegten. Die Bullen versuchten mehrmals uns festzusetzen bzw. nur kontrolliert laufen zu lassen, doch dem entgingen wir, indem wir deren Reihen "durchtanzten" und punktuell auflösten, anstatt mit Ketten dagegen zu halten. Wir riefen viele antirassistische Parolen in verschiedenen Sprachen, hatten Transparente und Flugblätter bzw. die Campzeitung und wirkten wohl eher sehr schräg und interessant als abstoßend oder bedrohlich. Viele schauten freundlich, manche klatschten Beifall oder liefen mit uns. Einige Menschen mit migrantischem Hintergrund wirkten besonders angetan. Sogar die Kesselsituation am Ende haben wir noch für uns gewendet, weil wir Aufmerksamkeit erregten und viel Spaß und Power von "drinnen" rüberbrachten.

Meint ihr denn, daß es trotz eures ungewohnten Outfits möglich war, Inhalte zu transportieren?

Das Aufmerksamwerden und Aufnehmen unserer Inhalte war sicher viel eher drin als bei konventionellen Demoformen. Der Kontext zum Grenzcamp war auch vielen durch die Medienberichte zuvor präsent. Natürlich wirken wir immer nur auf Menschen, die offen sind für solche Denkanstöße, das läßt sich nie verallgemeinern. Aber solche Anregungen kommen oft weniger durch ein paar Parolen oder Schlagwort-Texte zustande, welche eher auch nur ein Klischee von „Inhalts-Transport“ erfüllen. Neue Sichtweisen und Diskurse werden auch zuerst durch eine Irritation einer bestehenden Ordnung angezettelt, etwa als viele Männer von uns anders gestylt waren und in Kleidern/Röcken rumpuschelten und dadurch ihren Angriff auf die heterosexistische Kleider- und Benimmordnung vermittelten.Vielleicht hätten wir noch mehr Parolen zum rassistischen Alltag rufen oder konfrontativer auftreten sollen, um nicht so leicht konsumierbar zu sein oder Zustimmung zu ernten. Schließlich tragen sehr viele den alltäglichen Rassismus aktiv mit bzw. sind in rassistische Strukturen verstrickt, auch wenn er als "Multikulti" daherkommt.

Für Samstag war dann ja ein "Knastbeben" am Internierungslager auf dem Flughafengelände geplant. Also ein viel konfrontativeres Konzept war nötig. Wie habt ihr diesen Sprung geschafft ?

Das war gar nicht so einfach. Die beiden Aktionen zuvor erforderten weder einen klaren Blockaufbau noch Selbstschutzmaßnahmen. So bedurfte es, mehr noch als zuvor, genauer Absprachen in den Bezugsgruppen über eigene Grenzen und Fähigkeiten, verbindlichere Kommunikationsstrukturen und Überlegungen bezüglich dessen, wie wir uns gut schützen könnten. Das widersprach zum Teil dem lockeren, spielerischen Agieren zuvor und der leichten Kleidung in kurzen/auffälligen Klamotten. Dann wollten wir auch im Zusammenhang mit den anderen Beteiligten planen und agieren. Dies alles bildete sich in langen Diskussionen unter uns und Abstimmungen mit der Gesamtplanung des Camps. Wir machten eine genaue Aufstellung der einzelnen Reihen/Bezugsgruppen auf der Übungswiese, planten den Tagesablauf und besprachen eventuelle Situationen. Also alles nicht sehr entspannend so kurz vor Samstag und mit nochmal mehr Menschen, die noch keine Übung hatten. Für uns InitiatorInnen war besonders spannend, ob sich das zu Hause ausgedachte und nun erprobte Konzept, und vor allem die vielen Beteiligten, wirklich für eine Konfrontation am Flughafen bewähren würden. Schließlich ist P&S ein sehr offenes, integratives Modell auf dem Camp gewesen und schloß Viele mit ein, die sich auf so einer Aktionsebene sonst nicht derart organisieren. Das machte ein breites Spektrum an Erfahrungen, Ängsten, Erwartungen und Bezügen zu Großgruppen aus. Durch das basisdemokratische Grundprinzip, die kleinen Bezugsgruppen, die gemeinsamen Erfah-rungen der Woche, das entstandene Vertrauen und durch verschiedene Leute, die sich verbindlicher um die Einführung Neuer und die Organisierung kümmerten, war es möglich, diesen heterogenen Haufen von 250-300 Männern und Frauen (diese ausnahmsweise in der Mehrheit) auf einen Nenner, sprich einen Block zu bringen. Dort hatten schlußendlich alle einigermaßen den Platz, den sie sich zutrauten.

Wie lief es dann konkret am Samstag?

Wir kamen überraschend schnell an ein zentrales Terminal heran, weil keine Bullen auf dem Fernbahnhof waren, an dem wir geschickterweise als ganzer Block ankamen. Auf einer Brücke im Inneren des Gebäudes entstand eine Konfrontation beim Versuch eine Bullenkette zu durchbrechen. Die vorderen Reihen bekamen reichlich Knüppel und Pfefferspray ab und für eine Weile waren wir als Block aufgespalten. Daß wir überhaupt so weit gekommen waren, lag sicher an unserem Vertrauen zueinander, dadurch konnten wir recht schnell und flexibel sein. Ansonsten muß mensch sagen, daß in zugespitzten Situationen eine basisdemokratische Kommunikation schwer zu gewährleisten ist. Später, als Teil der gemeinsamen Demo, waren wir wieder als Block kommunikationsfähig und guter Stimmung, jedoch war insgesamt an diesem Tag nichts mehr möglich. Die Bullen waren massiv da und das Internierungslager eine Festung, so dass dieser Teil der Demo eher von Frust und Rumstehen geprägt war. Beim Abzug der Demo versuchten die ersten Reihen von P&S noch einen Durchbruch in ein Terminal, der natürlich mit Knüppeln und Pfefferspray gekontert wurde. Aber das hätte uns vielleicht von vorneherein weniger angekratzt, wenn wir uns mehr dezentral bewegt und mehr Raum genommen hätten, um verschiedene Ideen und Ansätze auszuprobieren. Beim Nachbereitungstreffen von P&S am Sonntag zeigten sich die Beteiligten aber insgesamt angetan von der Idee und unserer Umsetzung von P&S, und die Resonanz des Restcamps war ebenso positiv und offen.

Nochmal ganz an den Anfang zurück. Woher hattet ihr diese Idee und auf welche Erfahrungen bezieht ihr euch?

Die Idee entstand aus unserem Bedürfnis, mindestens für die groß angelegte Abschlußaktion am Samstag eine Handlungsfähigkeit zu erlangen, die jenseits bekannter Stereotypen eines militanten dunkel gekleideten Blocks lag, der auch für die Gegenseite leicht erkennbar und handlebar ist und oft v.a. aus eingefahrenen, männerdominierten Zusammenhängen besteht. Für viele gibt es eine gewisse Hemmschwelle, in Konfrontationen mit Bullen oder anderen Sicherheitskräften zu gehen und das Bedürfnis, manche eingefahrene Bilder und Strukturen nicht (mehr) zu reproduzieren. Das ist bereits eine allseits bekannte, sehr alte Diskussion in der (militanten) Linken, die bisher nicht besonders produktiv an neuen Ufern angelangt war. Nun gab es für einige von uns Erfahrungen v.a. in Prag, aber auch in Genua mit P&S oder den kleineren Versuchen von radical cheerleading auf Demos in Berlin, z.B. am 1. Mai und bei der Residenzpflichtdemo. Konzeptionell gibt es die unterschiedlichsten Versatzstücke, aus denen sich die Idee P&S speist und weiter entwickeln kann. Genannt seien die radical cheerleading-Gruppen in Kanada, USA und Britannien, die mehr Pepp und Power in langweilige Latschdemos bringen wollen, reclaim the streets, crossdressing und queer-Bewegung, die Tunten-Terror-Tour 1992/93, tute bianche, Sambagruppen und Akrobatik auf Demos, Ansätze der Kommunikationsguerrilla,.... Das heißt für uns vor allem, daß es nicht das Konzept P&S gibt, sondern einen Pool von Erfahrungen und Elementen linker Praxis auf der Straße, aus dem je nach Anlaß und Ziel einer Aktion immer wieder neu zusammengesetzt und variiert werden sollte. Die gewisse Starrheit und Einge-fahrenheit anderer Aktionsformen könnte dadurch weiterentwickelt werden; ohne daß viele von uns auf bekannte Konzepte wie den "schwarzen Block" z.B. verzichten wollen. Uns geht es eher darum, Selbstverständlichkeiten im Umgang zu hinterfragen und aufzubrechen, die schon lange viele von uns anstinken, und Alternativen zu praktizieren, die wir nicht nur für P&S, sondern viel breiter in unserer politischen Praxis verändern wollen. Unsere Erfahrungen in Prag oder in Ffm haben gezeigt, daß es auch anders gehen kann.

Das hört sich jetzt recht abstrakt an. Welche Praxen meint ihr konkret?

Wir versuchen, möglichst basisdemokratisch zu agieren. Die Bezugsgruppen haben sich im Vorfeld und bei der Aktion, wenn der Raum gegeben war, rückgekoppelt und auf DeligiertInnentreffen koordiniert. Alle sollten das Vorgehen mittragen und gestalten können, ohne massiv über eigene Grenzen zu gehen und ohne Einzelkämpfertum. Grundlegend war das Motto, wie es in Genua formuliert worden ist: no machos, no heroes, no martyrs. Wir möchten nach außen und innen ein wilderes und lebendigeres Bild abgeben, als eine Latschdemo an Langeweile und Unentschlossenheit, und ein schwarzer Block an Dumpfheit, männlichem Großkotz oder lediglich vorgespiegelter Entschlossenheit so manches Mal vermittelt. Den Schutz und die Sicherheit, die einheitliche, feste Kleidung bietet, wollen wir nicht aufgeben, jedoch variieren/kombinieren, wenn es möglich ist; teils, weil wir uns damit besser fühlen, teils wegen der Ausstrahlungskraft nach innen und außen, die wir als sehr positiv erlebt haben - auch wenn nicht wenige von uns mit einigen Skrupeln und Zweifeln in die pinken Klamotten oder Overalls geschlüpft sind. Viele sahen sich in ihren Geschlechterrollen in neue Dimensionen geworfen, sei es durch die "weiblich" besetzte Farbe rosa, durch Kleider und Röcke oder geschlechtsneutrale Overalls, oder durch den Versuch, einen sensiblen, kollektiven Umgang miteinander zu praktizieren. Daß sich dies auch nach außen vermittelt, ist ein wesentliches Element von P&S, schließlich sind patriarchale Dominanzen und Geschlechternormierungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen, so auch unter uns, prägend und sollten von radikalen Linken dementsprechend ernsthafter als politisches Angriffsziel verstanden werden. Ausdruck davon war u. a. die höhere Präsenz von FrauenLesben im Block und in der Vorbereitung. Das weist auf einen weiteren, essentiellen Punkt der Idee: die Offenheit und Integrationskraft war auf dem Camp wie auch in Prag enorm. Die Annäherung an die schon Aktiven, das Üben auf der Wiese und die Verständigung miteinander liefen mit einer Leichtigkeit, die ich selten erlebt habe in der Autonomen Szene, die viele von außen ja schon seit langem als sehr unoffen, abgeschottet und selbstbezogen erleben. Vielleicht auch dadurch entwickelte sich in den Aktionen eine ungeheure Power, die fast von selbst immer wieder aufkam und alle ansteckte. Schließlich macht es total Spaß, neue Formen, Parolen/Sprüche auszuprobieren. Außerdem sind wir durch unsere Flexibilität und Ausdrucksform relativ uneinschätzbar für die Gegenseite. Das Feindbild stimmt nicht mehr und das macht einiges möglich. Das gilt natürlich nur bis zu einem gewissen Grad, so ganz blöd sind die ja auch nicht.

Ihr habt gerade sehr viele Bereiche politischer Praxis angesprochen. Gab es denn auch eine Verständigung unter den AktivistInnen von P&S über den Sinn und Inhalt dieser Aktionsform bzw über deren Perspektive und Machbarkeit außerhalb solch eines Camps?

Ja, wir haben uns mitten in der Woche einen Abend lang Zeit genommen, um uns ganz ohne Aktionsdruck auszutauschen, was wir politisch und/oder emotional mit der P&S-Idee verbinden. Das war ein zum Teil sehr persönliches Gespräch mit ca 60 Menschen, und wir stellten fest, daß es zwar unterschiedliche Zugänge und Erfahrungen gibt, diese aber in recht ähnliche Bedürfnisse und Einschätzungen zur Umsetzbarkeit mündeten. Genannt waren vor allem: Vertrauen durch Absprachen, dadurch mehr Mut und Entschlossenheit, Thematisierung von Ängsten, Kleingruppenbezug, Spaßfaktor, Rollen aufbrechen... Wir redeten außerdem über die Bedeutung der Farbe Pink im Kontext schwullesbischer Aktionsformen, da es auch eine Kritik einer Kolonialisierung eben dieser gab. Dem wurde von Einigen entgegengehalten, daß wir mit P&S schließlich auch Inhalte, nämlich das Hinterfragen und Aufbrechen von Geschlechternormierungen praktizieren würden, und es wurde davor gewarnt, den üblichen Fehler zu begehen, nur durch die Hetero-Brille zu gucken und damit einmal mehr Schwule / Lesben bzw. Queers - auch bei Pink & Silver – unsichtbar zu machen. Einige FrauenLesben sagten, daß P&S für sie eine gute Form sei, jenseits von Mackermilitanz in die Konfrontation zu gehen. Für viele Männern war hingegen eher die Lust an der Verkleidung, am Frivolen, am Cross-Dressing das tendenziell neue und befreiende Moment. Der Reiz dürfte wohl gerade in der Kombination beider Elemente bestehen, und es ist sicher sehr wichtig, ob mensch eben männlich oder weiblich sozialisiert ist, und wie die individuelle Perspektive ist. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, daß es einige von vornherein fatal fanden, sich klischeehafte Zuschreibungen bzw. Assoziationsketten wie pink= CSD=puscheln oder Männer=mutig=militant anzueignen, da diese einfach ganz real nicht zutreffen. Die P&S-Idee möchten wir aber nicht lediglich als ein neues, buntes Element unserer eingefahrenen Aktionskultur betrachtet wissen. Wir wollen damit, wie gesagt, verkrustete Strukturen der Linken auf-brechen und verändern, und nicht ein lustiger Farbfleck auf der Palette ansonsten eingefahrenen Denken und Handelns sein. Daß die intensive Vorbereitung auf dem Camp als Aktionsort über eine Woche lang kaum übertragbar ist auf andere Orte, an denen wir Politik machen, war allen klar. Lust auf mehr und Vernetzung für größere Mobilisierungen hatten viele. Wie das aussehen kann, wird sich zeigen. You are invited !

Dieser Text stammt von der Seite www.umbruch-bildarchiv.de - wir fanden ihn so gut, dass wir ihn hier nochmals dokumentieren.