Anti-Castor Demo in Kamen - bunt, kreativ, öffentlichkeitswirksam
Schwarze Katze Demobericht, 25.09.04
abgedruckt im Schwarze Katze Rundbrief 29.10.04

Banner bei der Anti-Castor Demo Kamen, Foto: Schwarze Katze, 25.09.04Der geplante Castor-Transport vom sächsischen Rossendorf ins westfälische Münster sorgt für viel Aufsehen. Die Landesregierung von NRW hat keinen Bock den teuren Polizeieinsatz zu bezahlen und möchte, dass Sachsen für die Kosten aufkommt und eigene Polizisten schickt. Bei diesem Streit geht es nicht um eine prinzipielle Ablehnung der menschen- und tierfeindlichen Atomkraft, sondern nur um Knete. Nicht nur auf Landesebene regen sich Menschen wegen dem Castor-Transport, der diesmal über die Autobahn gehen soll, auf. Auch in der im östlichen Ruhrgebiet gelegenen Kleinstadt Kamen. Dort war für den 25.09.04 von Atomkraftgegnern eine Demonstration in Richtung Autobahn angekündigt worden, was Gesprächsstoff inīs sonst eher beschauliche Kamen brachte. Der Kreisvorsitzende der Kamener Grünen hielt die beabsichtigten Castortransporte, die auch über Kamen gehen sollte, für überflüssig.

Polizeischikanen
Die Kreispolizeibehörde Unna versuchte erfolglos schikanöse Auflagen zu erteilen, beispielsweise, dass in der Kamener Innenstadt nur die Gehwege benutzt werden und nur der Lautsprecherwagen sich auf der Fahrbahn bewegen dürfte. Kreispolizeisprecher Martin Volkmer meinte dagegen, dass von Schikanen keine Rede sein könne, die Auflagen seien "durchweg verhältnismässig" zur "Gefahrenlage". Wir gehen im Gegensatz zum Polizeisprecher nicht davon aus, dass die Gefahren bei Castortransporten von den Menschen ausgehen, die dagegen demonstrieren. Einer der Bündnis-Sprecher bezeichnete die Anwesenheit des Dortmunder Staatsschutzes auf der Anti-Atom Demo als Skandal, da damit versucht würde, die Demo als polizeirelevantes Thema darzustellen. Die Anti-Atom Initiative Kamen warf der Polizei Einschüchterungen und Berhinderungen vor. Die Polizei besuchte den Anmelder der Demo sogar nachts zuhause und fragte seine Nachbarn über ihn aus. Der vom Staat Bespitzelte findet das Vorgehen der Polizei "nicht korrekt", insbesondere über sein persönliches Lebensumfeld Erkundigungen einzuziehen. In der WR Kamen vom 19.09.04 wird der Pressesprecher des "Aktionsbündnisse Münsterland gegen Atomanlagen" dazu zitiert:

Offensichtlich liegen die Nerven beim Innenministerium und den zuständigen Polizeibehörden blank. Denn als jetzt die Anmeldung für die Demonstration in Kamen fristgerecht und ordnungsgemäss von den Bürgerinitiativen eingereicht wurde, reagierte die Polizeibehörde völlig überzogen und nervös. So wurde versucht, dem Anmelder zu Nachtschlafender Zeit (23.20 Uhr) die Einladung zu einem sogenannten Kooperationsgespräch zu übergeben, dieses jedoch vergeblich. So wiederholte man die Übergabe am nächsten Morgen um 8 Uhr. Wenige Tage später tauchten die Polizeibeamten wieder beim Anmelder auf, diesmal nicht ohne vorher die Nachbarwohnungen zu konsultieren und Fragen über das Privatleben des Anmelders zu stellen. All das hat mit dem Demonstrationsrecht wenig, aber mit Einschüchterung und Behinderung viel tun. Es wird uns jedoch nicht davon abhalten, den Widerstand gegen die unsinnigen und gefährlichen Atomtransporte deutlich zu machen. Wir protestieren gegen die peinlichen Auftritte der Polizei und werden auch in Zukunft unsere Rechte wahrnehmen.

1. Demo wird verboten
Schon für den 1. Juni 04 sollte eine Anti-Castor Demonstration in Kamen aus demselben Anlass laufen, nur weil der Castor nicht lief, wurde sie verschoben. Der Polizei gefiel die geplante Route zur Autobahnauffahrt A1 Höhe Zollpost nicht und sprach gar davon, dass mit einer solchen Demo Leben gefährdet würde. Den Atomkraftgegnern gefällt wiederum nicht, dass über das vielbefahrene Kamener Kreuz Atommüll transportiert werden soll und die Bevölkerung Kamens dabei gesundheitlich gefährdet wird. Die Kamener Lokalpresse titelte im Mai bildzeitungsmässig mit "Droht nun das totale Chaos auf der Autobahn?" und beunruhigte die ZeitungsleserInnen mit der Frage "Droht jetzt die Konfrontation und damit das totale Chaos im und ums Kamener Kreuz?" Der Anmelder erklärte worum es wirklich geht: "Den Demonstrationswilligen ginge es nicht darum, den Verkehr auf der Autobahn zu behindern. Wir wollen den Castor-Transport verhindern".


Demo durch Kamen

Castor-Stopp-Mikado auf dem Alten Markt

Im Vorfeld der Demo wurden einige Informationsveranstaltungen durchgeführt, die auf zum Teil reges Interesse stiessen. Die WR Kamen schrieb am 21.09.04 über eine dieser Infoveranstaltungen: "Das Anti-Castor-Aktionsbündnis protestiert nicht nur gegen einen Transport des Atommülls über die Autobahn zum Brennelementezwischenlager in Ahaus, sondern fordert auch den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie. Nur so könne verhindert werden, dass viele Tausend Tonnen radioaktiver Müll entstehen, für den es weltweit kein Entsorgungskonzept gibt."

2. Demoversuch klappt
Da der Castor-Tranport im Juli abgesagt wurde, fand die Anti-Atom Demo erst später statt, als wieder Gefahr für Mensch und Tier durch einen erneuten Atommülltransport bestand. Sie fand schliesslich wegen dem "drohenden Atommülltransport ins Zwischenlager Ahaus" am 25.09.04, einen Tag vor den Kommunalwahlen statt. Diesmal hatte die Polizei gnädigerweise nichts rumzumeckern, auch nicht gegen die zeitliche Nähe zu den Kommunalwahlen. Als ob das jemand interessiert... Da die mögliche Transportstrecke am Kamener Kreuz lag, war der Lokalbezug für die Auftaktdemo vorhanden.

Winkelelement bei der Anti-Castor Demo Kamen, Foto: Schwarze Katze, 25.09.04Wir verteilten auf der Auftaktkundgebung, wo es coole Punk-Mucke gab, ein Flugblatt, wo inhaltlich auf Gefahren und Unsinnigkeit der Castor-Transporte eingegangen wurde und die Webadresse www.antiatom.de/mk angegeben ist. Die Atomkraftgegner forderten "einen kompletten Einlagerungsstopp für das Ahauser Atomlager", da diese Anlage "nicht mehr den Sicherheitsanforderungen für eine langfristige Lagerung von abgebrannten Brennstäbe" entspricht. Zur Demo riefen folgende Gruppen auf: Antifa Kamen, Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen, Anti-Atom-Initiative Kamen, Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus", Widerstand gegen Atomanlagen (WIGA) Münster, Menschen gegen Atomanlagen (MEGA) Waltrop, GAL Kamen. Sie schrieben in ihrem gemeinsamen Aufruf:

Machen wir deutlich, dass wir nicht bereit sind die Zerstörung der Umwelt und die Gefährdung von Millionen von Menschenleben weiter hinzunehmen! Kommt deshalb alle am 25. September nach Kamen. Veranstalten wir gemeinsam eine entschlossene und phantasievolle Auftaktdemonstration für die kommende Transportphase, die in der darauf folgenden Woche beginnt. Der Transporttermin wurde auch aufgrund des Anti-Atom-Widerstands Anfang des Jahres verschoben. Es besteht die Chance durch unseren entschiedenen Protest die Transporte noch im Vorfeld zu verhindern. Setzten wir ein deutliches Zeichen, dass wir nicht tatenlos zuschauen werden - auch nicht wenn der Castor rollt!

Im Aufruf wird noch auf die langfristigen Gefahren hingewiesen: Der heute produzierte Atommüll wird noch Zehntausende Jahren radioaktiv strahlen und eine grosse Gefahr darstellen. Es gibt weltweit kein einziges Endlager, in dem der Müll sicher verwahrt werden kann. Dennoch wird weiterhin Atommüll in den Atomkraftwerken produziert und die gewonnene Energie als sauber und billig propagiert. Billig ist sie aber nur deshalb, weil die Betreiber sich nicht um die Probleme der Entsorgung kümmern müssen. Der einzige Weg, die gefährlichen und inakzeptablen Atommülltransporte zu beenden und keinen weiteren Atommüll mehr zu produzieren, ist der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie.

Als Teilerfolg sahen die Organisatoren, dass die NRW-Landesregierung im Jahre 2004 keinen Transport nach NRW genehmigen wird. Ein Redner warnte davor, dass bei einem Atomtransport über die Autobahn die Polizei die komplette Autobahn inklusive Autobahnbrücken absperren würde und Kamen, da es von drei Autobahnen umgeben ist, quasi von der Aussenwelt abgeschnitten würde.

Anti-Castor Demo Kamen, 25.09.04, Foto: Schwarze KatzeDer Gittarist der Band Slup konnte wegen Rippenfellentzündung nicht kommen, stattdessen spielte die coole Münsteraner Punkband "No Ties Required" kurz vor der Autobahnauffahrt in einem LKW. Der NRW-Innenminister Behrens erklärte am Kamener Demotag, dass der Castortransport verschoben ist. Insgesamt gab es mehr Polizisten als Demonstranten, auch der Dortmunder Staatsschutz war gut vertreten. Offenbar ist es in der BRD staatsfeindlich Leben vor atomarer Verseuchung zu schützen. Nachfolgend ein Auszug aus dem gelungenen Redebeitrag der Anti-Atom Initiative Kamen:

Da stellt sich doch eigentlich die Frage, wie es sein kann das weiterhin auf die Atomenergie gesetzt wird, auf eine total menschen- und umweltfeindliche Technologie. Darauf wird meist erwidert: weil die Atomenergie billig ist. Aber wie kann eine derartige Technologie billig sein? Das ist recht einfach. Die Atomenergie ist staatlicherseits extrem subventioniert. Atomkraftwerke sind nicht versichert und für die Entsorgung des Atommülls müssen die Betreiberfirmen auch nicht aufkommen. Kurz gesagt: Mit der Herstellung von Atomenergie lässt sich Profit machen. Damit erfüllt sie ihre Existenzbedingung in einer kapitalistischen Gesellschaft. Im Kapitalismus stehen nämlich nicht die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen im Mittelpunkt, sondern einzig wirtschaftliche Gründe und Verwertungsinteressen.

In unserem Aufruf stand zu lesen: Für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die wir für menschlich und lebenswert halten, sollte aber frei von Unterdrückung sein. Es soll keine Herrscher geben und keine Beherrschten. Die Menschen sollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können und solidarisch miteinander zusammenleben. Wir wollen eine Wirtschaft, die eben nicht die Verwertung des Kapitals im Mittelpunkt hat, sondern die Bedürfnisse der Menschen. Das unsere Gesellschaft alles andere als herrschaftsfrei ist, liegt auf der Hand. Und da Kapitalismus und Freiheit nicht zusammenpassen, egal wie mensch es dreht und wendet, ist klar, das die Abschaffung der kapitalistischen Verhältnisse unser Ziel ist. Deshalb ist unser Widerstand gegen die Atomenergie mit der Perspektive einer anderen Gesellschaft verbunden. Wir wollen grundlegende Veränderungen. Die sind nicht nur nötig sondern auch möglich.

Anti-Castor Demo Kamen, 25.09.04, Foto: Schwarze KatzeAtommikado gegen die Atommafia
Ein Demoteilnehmer beschreibt später auf Indymedia das überdimensonierte Mikado-Spiel: "Bevor die Demo losging wurde kurz das Mikado erklärt und probegespielt. Drei Teams waren vertreten (Schwarz, Rot, Grün). Wenn beim Versuch die Mikadostäbe zu Räumen gewackelt wird, ist das nächste Team am Zug. Regeln sind halt Regeln und daran muss sich auch die Polizei halten. Die zeitgleich eingetroffene Castorattrappe wurde symbolisch blockiert. Dann zog die Demo parolenrufend durch die Innenstadt, mit kleinen Abweichungen von der Demoroute. Die erste Kreuzung wurde gleich mit Mikado blockiert. Später sollte es noch einen Kreisverkehr und die Hochstrasse (Autobahnzubringer) treffen. Derweil schlossen sich weitere Menschen der Demo an."

Der Artikel endet mit einem dickem Lob für die Organisatoren: "Alle TeilnehmerInnen gingen mit einem guten Gefühl nach Hause. Die Organisation hat bestens funktioniert. Die Demo war lautstark und die Ablehnung der Atomkraft konnte gut vermittelt werden. Es wurde deutlich gezeigt: Wir sind in der Lage einiges auf den Kopf zu stellen und am Tag X können sich Polizei und Regierung auf was gefasst machen. Alles in Allem ein äusserst gelungener Auftakt für das Ruhrgebiet und den Anti-Atom-Widerstand überhaupt."

Team Schwarz schrieb am 28.09.04 ebenfalls auf Indymedia: "Ich war schon lange nicht mehr auf einer Demo, die so fett Spass gemacht hat wie die Demo in Kamen. Statt ellenlanger Reden gab es super Punkmucke und statt endlosen latschen und rumstehen gab es Mikadostangen und Aktion. Besonders gelobt werden muss die Super Organisation, vor allem das selbbestimmte/selbstbewusste Auftreten gegenüber Team Grün war ein absolutes Highlight. Wäre nur schön gewesen wenn mehr Menschen den Weg nach Kamen gefunden hätten. Meine Einschätzung nach waren wir bestenfalls 80 Leute. Um so bemerkenswerter das es den Antiatomis im Vorfeld gelungen ist, so einen Wirbel zu entfachen, dass die Autobahnauffahrt für 4 Stunden gesperrt wurde. Alles im allem ein gelungener Test für den Tag X. Danke auch für die Unterstützung aus dem Münsterland, insbesondere bei der WigA Münster."

Anti-Castor Demo Kamen, 25.09.04, Foto: Schwarze KatzeLecker war das Essen von Food not Bombs, was sich ein Schwarze Katze Aktivist leider zum Teil auf die Jacke schüttete, aber glücklicherweise gab es Nachschlag und Papiertaschentücher. Die Polizei versperrte mit Gittern die Autobahnauffahrt, hielt sich aber mit Provokationen zurück. Bilder und Zeitungsartikel gibtīs übrigens auf unserer Sonderseite zu sehen.

"Störenfried" zieht ein positives Fazit zur Demo:
Zunächst die Transpis sind einfach nur Supergut, besonders das mit dem Maulwurf und dem Presslufthammer. Zu der Sperrung der Autobahn Auffahrt kann ich nur gratulieren, mit so wenig Aufwand soviel Stau! Ich glaub langsam, die können, dass mit den Castoren und der Autobahn knicken. Weil am Tag X, wird es sicherlich einige solcher Aktionen geben. Wird mal Zeit das die Leute im Ruhrpott Unterstützung bekommen und es auch anderswo rockt, die Transporte führen über mehr als 600 km Autobahn. Es gibt also genügend Raum sich quer zu stellen und die lange Anfahrt entfällt auch! See you on the barricades!

Unser Fazit ist ebenfalls positiv: Eine gelungene Demo gegen die Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen. Schöne Transpis, gute Sprüche, inhaltliche Redebeiträge, lecker veganes Essen, viel Öffentlichkeit. Davon könnten sich andere eine Scheibe abschneiden. Weiter kreativ und bunt gegen die Atommafia!