Liebe Leserinnen und Leser,

Anares Bremen existiert seit dem 1.1.2014 nicht mehr. Dennoch sind noch
immer reichlich Bücher vorhanden, die zu schade sind für den
Altpapiercontainer – und es ist nicht so, dass ich es mir leisten
könnte, sie zu verschenken. Ich habe mich daher entschlossen, den
Resteverkauf zunächst weiter zu betreiben – und nur der Reste. Anares
hat sich immer als Projekt verstanden, als Service-Institution in Sachen
Gegenöffentlichkeit, hat Restauflagen angekauft, neue Bücher ins
Sortiment genommen, Büchertische und Infoläden ausgestattet etc. Das ist
Geschichte und so ist es nur konsequent, dass der Name nun auch ein
anderer ist: „Der Ziegelbenner“ wird als temporär angelegter Versand bis
auf Weiteres den Abverkauf organisieren. Warum nun dieser Name?
„Der Ziegelbrenner“ war der Name einer von Ret Marut von 1917 bis 1921
herausgegebenen Zeitschrift. „Was die Aktualität des ‚Ziegelbrenner‘
betrifft, so ist sie absolut zu nennen im Hinblick auf die politischen
und sozialen Probleme der Welt“, so Arnim Richter, der eine Dissertation
zu Maruts Zeitschrift verfasste, im Jahr 1976. Das gilt bald 40 Jahre
später nicht weniger, was an sich schon beachtlich ist für eine bald 100
Jahre alte Zeitung. Marut hielt an der Veränderungsbedürftigkeit des
scheinbar Unveränderlichen fest (heute würden wir von „Sachzwang“ reden,
dem „TINA-Prinzip“: There Is No Alternative – dem es ein schallendes und
beharrliches „Aber doch!“ entgegenzuhalten gilt). Die Ablehnung von
Staatlichkeit und Autoritäten jeder Art, die Befreiung aus den Fesseln
des Kapitalismus, die Solidarität mit den Entrechteten und Papierlosen,
der Grundsatz der freien Übereinkunft sind bis heute gültige Prinzipien.
Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle, dass Marut den damals
verbreiteten antisemitischen Stereotypen aufsaß und an diesem Punkt also
unreflektiert „Kind seiner Zeit“ war. Der Ziegelbrenner war ein
Ein-Mann-Projekt gegen die Orthodoxie und Phantasielosigkeit der
damaligen staatsfixierten Linken (die Staatsgläubigkeit ist auch im
Jahre 2014 weit verbreitet; und „Ich“ statt „Wir“ heißt es nun auch bei
mir, nachdem jahrelange Versuche, Anares auf breitere Beine zu stellen,
erfolglos blieben).

Ret Marut musste 1919 nach der Niederschlagung der Räterepublik
untertauchen und schließlich das für ihn lebensgefährlich gewordene Land
verlassen. Aus Marut wurde nun B. Traven, der mit seinem Pseudonym jedem
Personenkult entgegenwirken wollte – ironischerweise wurde ihm gerade
das nun als geschäftstüchtige Masche vorgeworfen. An der Bedeutung von
Traven kommt auch das bürgerliche Feuilleton nicht mehr herum, so
konstantierte Jan-Christoph Hauschild 2009 in der „FAZ“ zur Bedeutung
des Traven´schen Werkes: “ In Verbindung mit seiner scharfen Kritik am
kapitalistischen System, dem modernen Verwaltungsstaat und den
Staatsreligionen verschaffte es ihm weltweit Geltung als proletarischer
Schriftsteller ersten Ranges“ (hinsichtlich der Traven-Forschung, die
oft krude Züge annahm, spricht Hauschild von „Travenologen“).

Die Biographie des schöpferischen Menschen war nach Travens Ansicht sein
Werk. Der 1999 verstorbene Krimiautor Hansjörg Martin wollte „Eine
Trommel für Traven“ schlagen. Tatsächlich sind auch die Traven-Romane
bis heute lesenswert. Seit ich als 13- oder 14-Jähriger von der in der
DDR lebenden Oma „Die weiße Rose“ geschenkt bekam, waren die meisten
anderen Abenteuerromane für mich nur noch fader, kalter Kaffee. Als vor
20 Jahren, im Januar 1994, der Aufstand der EZLN im südmexikanischen
Chipas ausbrach wurde der Weltöffentlichkeit deutlich, wie wenig sich an
der Lebensrealität in dieser Region seit Travens in den 1920er/1930er
Jahren publizierten Büchern geändert hatte. Als kleines Staubkorn in der
Medienlandschaft möchte ich wenigstens einen Paukenschlag dazu
beitragen, die Erinnerung an Marut/Traven weiter lebendig zu halten.
Denn eine Trommel muss hörbar sein, sonst taugt sie nichts.

In loser Folge werde ich künftig ausgewählte Werke aus dem ehemaligen
Anares-Fundus vorstellen. Dazu würde ich gerne den bisherigen
Anares-Verteiler nutzen. Wer damit nicht einverstanden ist kann mir
natürlich eine kurze Nachricht schicken und wird dann umgehend aus dem
Verteiler ausgetragen.

Die neue Mailadresse wird info(ättt)ziegelbrenner.com sein, die – sporadische
– Webpräsenz ist ab sofort unter www.ziegelbrenner.com zu finden. Bitte
notieren!

Beste Grüße

Gerald Grüneklee